Hosni, der Ägypter, erzählt

Hosni sitzt im Kreis seiner Enkel- und Urenkel.

„Erzähl uns, wie es damals in Kairo war, als man noch den Präsidenten wählen musste!“

„Ja, ja, erzähl es uns.“

„Gut“, sagt der alte Hosni, der sich nicht gerne bitten lässt, wenn es um eine Geschichte geht, „dann hört genau zu.“

„Damals war ich noch jung und hatte eine Stelle beim Staat. Ich bekam nicht viel, hatte auch nicht viel zu tun, außer wenn jemand reichlich Bakschisch gab. Dann waren alle beschäftigt, um dem reichen Herrn zu gefallen …

Ich verdiente genug, um mich, meine Frau und die acht Kinder zu ernähren und zu kleiden. Die Söhne gingen alle bis zur vierten Klasse zur Schule.

Alle vier oder fünf Jahre – ich weiß es nicht, es ist schon lange her – wurde der Präsident gewählt. Die Wahl war einfach. Der Präsident hieß so wie ich.

Ich stand also in der Kabine, den Wahlzettel vor mir auf dem Pult, den Bleistift in der rechten Hand. Ich wollte schon mein Zeichen auf die große erste Zeile setzen, als mein Kopf zu mir sprach: Hosni, du hast schon dreimal denselben Präsidenten gewählt, mach doch dein Zeichen diesmal auf die kleine zweite Zeile. Niemand wird es bemerken, nicht einmal der Polizist im Wahllokal, du bist alleine.

Und dann geschah das, was ich noch heute nicht verstehe: Meine Hand rutsche mit dem Bleistift von der ersten auf die zweite Zeile.

Ich faltete das Papier, lächelte den Wahlleiter an und drückte den Zettel in die Urne, um mich schleunigst nach Hause zu begeben. Ich war so aufgeregt, dass ich euerer Großmutter sofort und alles erzählte.

Was hast Du getan, schrie und weinte sie und schlug sich ins Gesicht. Sie werden es herausbekommen, dass du nicht den Präsidenten gewählt hast. Du wirst die Arbeit verlieren, ins Gefängnis geworfen, die acht Kinder und ich werden betteln gehen, werden hungern …

Sie weinte und schrie und schlug sich ins Gesicht, bis sie mir das Herz erweichte. Sie war eine gute Frau, die sich um die Familie sorgte. Bedrückt schlich ich zum Wahllokal zurück.

Ich stand vor dem Lokal, wo noch einige Bürger ihre Stimme abgaben. Ich ging hinein, ging heraus, ging wieder hinein. Was konnte, was sollte ich tun?

Wie aus dem Nichts stand der Polizist vor mir, musterte mich streng und fragte barsch: Was soll das? Du hast schon gewählt. Geh` ins Teehaus, wenn du dich vergnügen willst.

Erstarrt blieb ich regungslos stehen. Der Polizist kam näher und sprach jetzt leiser und freundlicher: Was hast du verbrochen, Hosni. Sag` es mir. Ich werde dich nicht schlagen.

Herr Polizist, Herr Polizist, stammelte ich. Kein Verbrechen, nur ein Fehler, eine Dummheit. Ein böser Djinn ist in mich gefahren. Er hat meine Hand berührt und ich habe den Falschen gewählt! Glaube mir, ich wähle immer den Präsidenten! Oh hilf mir!

Ich sah vor meinem inneren Auge mein letztes Stündlein schlagen. Doch der Polizist zog mich am linken Ohr und sprach freundlich: Hosni, diesmal will ich Gnade walten lassen. Wir haben deinen Fehler bereits korrigiert.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Aachener Friede abgelegt und mit , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s